Hattingen 5. Juni 1993 – Wir gedenken der Opfern des rassistischen Brandanschlags vor 30 Jahren in Hattingen

Deutsche sollen nicht die Täter sein

Der Brandanschlag auf die Familie Ü. jährt sich am 5. Juni 1993 zum 30. Mal. Eine Woche nach dem mörderischen rassistischen Anschlag von Solingen brannte das Haus der Familie Ü. in der benachbarten Stadt Hattingen. Fünf Kinder und die Mutter konnten sich aus dem brennenden Haus retten.

Das öffentliche Entsetzen über einen neuerlichen Anschlag dauert nicht mal einen Tag, die Suche nach Tätern hatte kaum begonnen, da wurden die Ermittlungen umgekehrt: verfolgt wurde nun die Mutter der fünf Kinder, sie sollte ihr eigenes Haus angezündet haben. Die angeblichen Motive: sie wollte die Versicherung abkassieren und noch infamer war, sie soll nach dem Anschlag von Solingen auf lukrativen Spenden der Bevölkerung gehofft haben.

Auf diesen reinen Spekulationen beruhten auch die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Frau Ü. wurde angeklagt, ihre Familie massiv gefährdet und das Haus bewusst angesteckt zu haben.

Das Opfer wurde zur Täterin gemacht mit allen sozialen Diskriminierungen und Ausgrenzungen. Die Familie verließ Hattingen.

Diese Strategie – damals noch relativ neu – setzte sich später oft in der Öffentlichkeit und bei den Staatsanwaltschaften durch. Die Opfer bzw. die Angehörigen der Opfer wurden als Täter:innen ins Auge gefasst, vernommen, ihre Wohnungen durchsucht, Unterlagen beschlagnahmt.

Die Suche nach rassistischen Tätern nicht einmal halbherzig vorgenommen. Deutsche sollen nicht die Täter sein.

Am 20.2.1996 begann der Prozess gegen Frau Ü. vor dem Landgericht in Essen, sie wurde nach mehreren Prozesstagen freigesprochen, ohne wenn und aber. Nach verdächtigen Personen wurde auch danach nicht einmal gesucht. Die Familie Ü. verließ anschließend Deutschland.

Einen Monat zuvor, am 18. Januar 1996, war das Haus von Geflüchteten in der Lübecker Hafenstraße Ziel eines rassistischen Mordanschlages gewesen. 10 Menschen starben durch die Flammen. Schon kurz nach der Tat wurde Safwan E. – selbst Bewohner des Hauses – verdächtigt, den Brand mit Benzin gelegt zu haben. Die schon eingespielte Opfer – Täter Verdrehung brachte ihn in Untersuchungshaft. Ein Rettungssanitäter wollte von ihm noch auf dem Weg ins Krankenhaus gehört haben: „ wir waren s“. Nach monatelanger U-Haft wird Safwan E. freigesprochen. Ermittlungen gegen drei Tatverdächtige aus Grevesmühlen werden nicht wieder aufgenommen, selbst das Geständnis eines Verdächtigen vor einem hohen Justizbeamten ignoriert die Justiz. Die Morde sind ungesühnt: Deutsche sollen nicht die Täter sein.

Die Mordserie des NSU in den Jahren 2000 bis 2006 ist noch allen im Gedächtnis, neun rassistische Morde und zwei Sprengstoffanschläge mit vielen Schwerverletzten bleiben bis zur Selbstenttarnung der Täter:innen im Jahre 2011 unaufgeklärt. Es ist der vorläufige Höhepunkt der Opfer – Täter  Verdrehung, denn alle Angehörigen der Opfer bzw. die Opfer selbst wurden jahrelang in den Focus der Ermittlungen genommen, massiv unter Druck gesetzt und einer unerträglichen psychischen Belastung ausgesetzt. Das ist wohl der Preis dafür, dass Deutsche nicht die Täter sein sollen, dass Rassismus in der deutschen Gesellschaft verleugnet und bagatellisiert wird – auch heute noch.

Wir müssen den Betroffenen zuhören, sie besuchen und unterstützen, um sie vor den staatlichen Angriffen nach rassistischen Taten schützen zu können.

Wolfgang Heiermann, ehemaliger Verteidiger von Frau Ü.

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Mitglied der Initiative „Keupstrasse ist überall“